Fechter
sind Siegertypen
Der elegante Sport auf
D’Artagnans Spuren
„Und
zu meinem Gegner sprech ich: Sieh dich vor, geputzter
Affe! Denn beim letzten Verse stech ich!“ posaunte
Edmond Rostands tragikomischer Musketier Cyrano von
Bergerac Degen schwingend jenem Gegner zu, welcher
sich über seine lange Nase lustig machte.
Die
Menschen lieben den Nervenkitzel. Heute wirft man
sich eben Bungee jumpend von Brücken. Früher
löste die Todesgefahr des Duellfechtens diesen
gewissen Kick aus. Daher hat man sich auch für
scheinbar völlig unsinnige Dinge bekämpft.
Der Degen war weniger Schlacht entscheidend, sondern
wurde eher als rituelle Waffe verwendet. Heute fungiert
das Fechtinstrument rein als „Sportgerät”
und die Kontrahenten sind dank ihrer Schutzanzüge
nahezu unverletzlich. Gleichgeblieben ist die ritterliche
Anmut und der unbändige Wille, die Verteidigung
des Gegners zu durchdringen und einen Treffer zu landen.
Fechter müssen Spaß am Kampf und an der
Grazie des Fechtens haben.
AUF
MESSERS SCHNEIDE
Fechten
war lange Zeit weg vom Fenster. Mit Zorro, Robin Hood
und den Musketieren lockt man heutzutage keine Teenager
mehr in die Fechtsporthalle. Doch seit James Bond
im neuesten 007-Streifen „Die Another Day”
zum Degen greift, Madonna im Bond-Titelsong sogar
der blutigen Klinge zum Opfer fällt und Indira,
das rassige Mädchen aus der deutschen Erfolgsboygirlgroup
„BroSis”, im Musicclip „Do you”
das Florett schwingen lässt, geht wieder ein
Ruck durch die Kids. Fechten ist „exotisch”
und „cool”.
HIEB-
UND STICHFEST
Es gibt 3 Waffengattungen: Florett, Degen und Säbel.
Vor noch nicht allzu langer Zeit war der Säbel
nur den Männern vorbehalten. Damit ist nun Schluss.
Gleichberechtigung für alle. Keinem wird eine
bestimmte Waffe vorgeschrieben. Üblicherweise
beginnen Anfängerkurse mir dem Florett, da es
die breiteste Schule voraussetzt. Am leichtesten tut
man sich aber in der Regel mit dem Degen. Das hängt
wohl mit dem raschen Erfolgserlebnis zusammen, das
sich beim Degen dadurch früher als bei Florett
und Säbel einstellt, weil man beim Degenfechten
mit Abstand die besten Treffermöglichkeiten hat.
Der ganze Körper ist gültige Trefferfläche,
wogegen beim Säbel nur der Oberkörper und
der Kopf und beim Florett gar nur der Rumpf, also
weder Beine, Arme noch Kopf getroffen werden dürfen.
Außerdem ist beim Säbel- und Florettfechten
das strenge Treffervorrecht zu beachten. Das bedeutet,
dass der Angegriffene den Vorstoß des Angreifers
erst einmal parieren muss, ehe er selbst aktiv werden
darf und zur Retourkutsche, der sogenannten “Riposte”,
ansetzten kann. Im Gegensatz dazu gibt es beim Degen
keine Angriffsregeln. Wer zuerst trifft, erhält
den Punkt. Der Degen erlaubt sogar Doppeltreffer:
Wenn Angreifer und Verteidiger gleichzeitig ins Schwarze
treffen, werden beide mit einem Punkt belohnt.
WAHL
DER WAFFEN
Fechten
ist nicht gleich Fechten. Im alpinen Skilauf gibt
es ja auch jene, die lieber Abfahrt fahren und andere,
die eher auf Slalom stehen. So ist es auch beim Klingenduell.
Jeder hat seine eigene Lieblingswaffe. Manche schwören
auf das Florett. Es wird als die Kunstwaffe unter
den Waffengattungen bezeichnet, weil der Fechter hierbei
besonders viel Geschicklichkeit und Schnellkraft besitzen
muss, um mit diesem Gerät erfolgreich einen Stich
zu landen. Das Florett fand seinen Ursprung als leichte
und stumpfe Übungswaffe für den Degen. Andere
schwören dagegen auf den Säbel, weil er
die schnellste Waffengattung ist. Damit können
Schmerzempfindliche wiederum gar nichts anfangen,
denn Säbelhiebe können wesentlich spürbarer
als Degen- und Florettstiche sein. Bei Degen wiederum
wird mehr taktiert als mit den anderen Waffen und
die beliebten Handtreffer haben besonderen Reiz.
SCHACH
IM SCHNELLZUGTEMPO
Treffen
und nicht getroffen werden. Es geht um Millisekunden.
Der Fechter muss reaktionsschnell sein, sofort von
Angriff auf Konter und wieder auf Angriff umstellen
und sich ständig wechselnden Situationen anpassen.
Fechten ist eine der schnellsten Einzelsportarten,
die aber ohne Gegner nicht auskommt. Erfolg und Niederlage
hängen neben dem eigenen Können vor allem
von den Stärken und Schwächen des Fechtpartners
ab. Die Sportler betreten den 14 Meter langen, aber
nur zwei Meter breiten Steg – die „Planche”
– und heben die Waffe zum Fechtgruß. Dann
nehmen sie die Fechtstellung ein, die am besten so
aussieht, dass man dem Gegner möglichst wenig
Trefferfläche bietet, gleichzeitig aber explosionsartig
in den Ausfallschritt vorschnellen und sich nach dem
Angriff wieder ebenso rasch zurückziehen kann.
Tritt einer der Duellanten über die hintere Endmarkierung,
setzt es automatisch Strafpunkte. Für den Zuseher
sieht dieses Spektakel elegant und dynamisch aus,
besonders, wenn sich erfahrene Routiniers gegenüber
stehen, sich mit Finten locken und mit Überraschungsstößen
das Publikum zum Aufschreien bringen. Manche bezeichnen
die ästhetischen Bewegungen der sich anpirschenden
Fechter und Fechterinnen sogar als „erotisch”.
OBERSCHENKEL
AUS STAHL
Die
Klingen tasten sich feinfühlig ab. Die Fechter
lauern auf Lücken in der Abwehr. Der geringste
Konzentrationsfehler kann ins Verderben führen.
Fechten spielt sich zu einem hohen Prozentsatz im
Kopf ab. Der Anfänger spürt rasch, dass
in diesem Sport auch Fitness vorausgesetzt wird. Man
muss nicht lange erklären, welche Muskeln im
Fechten hart auf die Probe gestellt werden.
Die
erste Trainingseinheit macht es klar: Der Oberschenkel
brennt nach wenigen Minuten wie nach einer langen
Kitzbühelabfahrtshocke und die Arme immer in
waagrechter Position ausgestreckt zu halten, benötigt
ebenfalls Nachhilfeunterricht im Fitnesscenter. Um
die Fechtstellung und die verschiedensten Angriffs-
und Verteidigungsschritte perfekt zu beherrschen,
ist exzellente Beinarbeit notwendig. Und die erreicht
man nur durch intensives und ausdauerndes Training.
Erst dann ist man in der Lage, Kevin Costner als Robin
Hood nachzuahmen.
AN
DIE WAFFEN
Früh
übt sich, wer es auf olympischen Bühnen
zu Edelmetall schaffen möchte. Generell können
Kinder ab dem Schulalter spielerisch mit dem Fechttraining
beginnen. Da der geistigen Reaktionsschnelligkeit
ein hohes Maß an Bedeutung zukommt, reicht das
Hochleistungsalter über einen wesentlich längeren
Zeitraum als in vielen anderen Sportarten an. Fechten
ist ein Sport, der keine Altersgrenze kennt. Wer also
erst als Erwachsener erkennt, dass Degenschwingen
Spaß macht, kann die elegante Sportkunst durchaus
noch erlernen. Es ist nie zu spät, in den Fechtsport
einzusteigen. Fechtvereine bieten sowohl für
Kinder, Jugendliche, Männer, Frauen und selbst
für Senioren Kurse an. Letztere Gruppe schätzt
den edlen Sport besonders deshalb, weil die Fechterei
den Geist auf Trab hält. Fechten als eine Art
„Jungbrunnen”!
UNTER
STROM
Nach
dem „Trockenfechten” werden die beiden
Fechtpartner an die Leine genommen. Die Florett- und
Säbelfechter streifen sich eine so genannte E-Weste
über. Waffe und Weste werden nun durch ein Stromkabel
mit dem Trefferanzeigegerät verbunden. Jeder
Duellant besitzt auf dem Anzeigegerät eine weiße
und entweder eine rote oder eine grüne Lampe.
Leuchtet die weiße Lampe auf, ist der Treffer
ungültig. Bei rot oder grün zählt der
Stich. Da beim Degen der ganze Körper Trefffläche
ist, ist keine extra Weste notwendig. Beim Degen gibt
es daher auch keine ungültigen Treffer und es
leuchtet nur die rote, grüne oder beide Lampen
im Falle eines Doppeltreffers.
PRIM,
SECOND, TERZ...
Quart,
Quint, Sixt, Septim und Octav! Ein weiterer Fakt,
der Fechten so „exotisch” macht, ist die
Mixtur aus französischen und italienischen Fachbegriffen.
„Imbroccata” und „Passanta Sotto”
sind keine neuen italienischen Spaghettisaucekreationen,
sondern bezeichnen Fechtangriffe. Französisch
ist die Amtssprache des Fechtens. Prim, Second, Terz
und Quart sind Faustlagen, die entweder als Parade
oder als Einladung, um den Gegner herauszufordern,
eingenommen werden. Die Riposte ist der Stoß,
der sofort, nachdem der Angriff des Gegners pariert
worden ist, ausgeführt wird. Internationale Turniere
werden nur auf Französisch juriert.
EDLE
TURNIERE
Die
klassischen Fechtnationen sind Italien und Frankreich,
gefolgt von Ungarn. Auch unter den ersten Rängen
sind Deutschland und Russland. International rangiert
Österreich um Platz 16. Unsere Aushängeschilder
im Fechten sind bei den Damen Andrea Rentmeister,
Claudia Panuschka und Therese Lorenz. Bei den Herren
wird es ein heißes Rennen um die Plätze
bei den Olympischen Spielen: Marcus Robatsch, Jörg
Mathe, Johannes Böhm, Christoph Marik, Oliver
Kayser und Michael Switak bestellen das Feld. Schnupperkurse
sind in jedem Fechtverein möglich. Solange man
den Sport als Hobby ausübt, halten sich auch
die Kosten in Grenzen. Es genügen in der Regel
bequeme Trainingskleidung und Hallensportschuhe. Die
meisten Vereine verleihen Anfängern Waffen und
Masken. Fechten geht jedoch ins Geld, sobald man sich
turnierfertig ausrüsten will. Hier kommen dann
nämlich die spezielle Sicherheitsausrüstung
und die elektrische Ausführung für die Trefferanzeige
hinzu. Abgesehen davon reicht für den Turnierkämpfer
eine einzige Waffe nicht aus und man sollte mehrere
Ersatzwaffen im Talon haben. In der Hitze des Gefechtes
können die Klingen schon einmal zerbrechen. Wer
weiß, vielleicht trifft man ja auf hartnäckige
Brocken, wie wir sie aus der Literatur kennen: „Deinen
Widerstand zerbrech ich. Finte! Quart! Da hast du’s
Laffe! Denn beim letzten Verse stech ich!”
Sonia
Laszlo (23) wurde der Degen in die
Wiege gelegt. In der dritten Generation ficht sie
zuerst als Leistungsfechterin, bis hin zu Weltmeisterschafts-
und Weltcupstarts, und ist nun auch in den Bereichen
der Ausbildung und der Bühnenfechtkunst tätig.
„Ich
habe dem Fechten viel von meinem Weltverständnis
zu verdanken. Schon in einem frühen Alter habe
ich gelernt zu gewinnen, aber auch zu verlieren –
alleine auf der Planche zu performen – physische
und psychische Fähigkeiten zu kombinieren und
diesen perfekten Moment, in dem einfach alles stimmt,
immer wieder zu erreichen. In den USA hatte ich die
Chance, über Stunt- und Bühnenkampf sowie
asiatische Sportarten und Geisteseinstellungen zu
erlernen. Daraus habe ich mir meine eigene Mischung
und einen ganzheitlichen Ansatz destilliert. Mir macht
es auch großen Spaß, mein Wissen als Übungsleiter
und „Lehrwart in Ausbildung” an junge
Musketiere weiterzugeben und durch Vereinsmanagement
unsere Leistungsfechter zu unterstützen.”
Fechtklub
Balmung www.balmung.org
Claudia
Panuschka (24)
Steht
Dank hohem persönlichen Einsatz und dem Training
bei Balmung mit Nationaltrainer Mag. Evgeni Pickman
in den Startlöchern für die Olympischen
Spiele in Athen 2004. Nach einer Vorführung in
ihrer Schule in Wels/OÖ, entschloss sie sich,
die Fechtkunst zu erlernen.
„Die
größte Herausforderung beim Fechtsport
ist für mich Taktik, psychische Stärke,
gewissermaßen das Schachspiel mit der physischen
Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit zu kombinieren.
So meistert man ein Gefecht erfolgreich.”
Olivia Köhle (22) fand über einen Zeitungsartikel
zum Fechten. Die Innsbruckerin schwingt seit vier
Jahren begeistert für den Tiroler Landesfechtverband
unter Trainer Jurek Konczalski den Degen: „Ich
wollte immer einen Sport ausüben, der neben körperlichem
Einsatz vor allem Taktik und geistige Anstrengung
verlangt. Fechten ist wie Schachspielen. Manchmal
fehlt es mir an der nötigen Konsequenz, denn
Fechten ist ein steter Weiterentwicklungsprozess.
Der Erfolg kommt nur mit dem Fleiß.
www.wellness-magazin.at - Christian Scherl
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